SHAHSAVAN (die dem Shah dienen)

Die Nomaden des Nordwest-Iran mit ihrem halbkugelförmige Filzzelt «Alachiq»

Die Geschichte der Shahsavan

Die Shahsavan waren den Herrschern der Safaviden-Dynastie (1501–1732) treu ergeben. Ihr Name erhielt mit der Zeit eine mystische Bedeutung, die ein geistiges Band zwischen König und Volk darstellte. Mit dem Sammelaufruf «Shahi sivani» konnten die safawidischen Herrscher die rückhaltlose Unterstützung aller Gruppen erhalten. Die dem König Ergebenen versammelten sich um den Herrscher, der auch ihr geistiges Oberhaupt war, um seine Befehle auszuführen.

Die loyalsten waren die «Qizilbasch» (Rotköpfe). Sie setzten sich aus turksprachigen Clanen zusammen. Sie trugen eine signifikant rote Kopfbedeckung.

Nachdem sich die Dynastie der Safaviden etabliert hatte, wuchsen Macht und der Einfluss der «Qizilbasch».

Als Shah Abbas der Grosse (1588–1629) im Alter von 17 Jahren die Thronfolge antrat, machte er vom Sammlungsaufruf «Shahi Sivani» Gebrauch und forderte alle auf, eine neue Stammeskonföderation unter dem Namen «Shahsavan» zu bilden. Mit dieser Massnahme wurde die Macht der Qizilbasch stark beschnitten, denn die neue militärische Einheit war nur ihm gegenüber loyal.

Mit der Aufnahme einer grossen Gruppe aus Kleinasien eingewanderter Stämme vergrösserte er die Konföderation. Die Unterdrückung durch die osmanischen Sultane hatte diese 30'000 Familien bewogen, bei Shah Abbas um Asyl zu bitten. Der Shah stimmte einer Niederlassung zu und bot ihnen Land in der Umgebung von Ardebil an. Diese Stämme erhielten ebenfalls den Namen Shahsavan.

Die Gründung der Shahsavan-Organisation fällt auf das Ende des 16. Jahrhunderts, in die Regierungszeit von Shah Abbas I. Im frühen 18. Jahrhundert wetteiferte das russische Zahrenreich mit den Osmanen in der Eroberung von Teilen des nördlichen Iran.

 

Unterworfen und vertrieben

Peter der Grosse nutzte den Iranischen Krieg gegen die Afghanen 1722 mit dem Fall von Isfahan und besetzte weite Teile von Azerbeidjan und Teile des Kaukasus. Dabei zwang er einige Shahsavan zur Unterwerfung. Nadir Shah trieb die Russen 1730 zurück und befreite die besetzten Territorien.

Die Kriege zwischen Iran und Russland in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts brachten die Shahsavan zusätzlich in Bedrängnis. Im Vertrag von Golestan (1813) wurden Derbend, Baku, Schirvan, Schaki und Teile von Talesch, im Vertrag von Turkamanchai (1828) Erivan, Nakhdjava und das heutige Azerbeidjan an Russland abgetreten. Die Shahsavan verloren dadurch weite Flächen ihres Stammesgebietes. Bis 1884 verbrachten dennoch einige Clane die Wintermonate in der russischen Moghan-Ebene. In diesem Jahr schlossen die Russen die Grenze endgültig.

Die Shahsavan waren von nun an Geächtete. Angesichts der Unfähigkeit der Qadjar-Könige griffen die Russen und Briten offen in die innere Angelegenheit des Iran ein. Die Russen versuchten die Shahsavan auszurotten und verfügten im Einvernehmen mit dem Iran viele Strafmassnahmen wie Enteignung aller materiellen Güter (zum Beispiel Herde, Zelte und sogar Kleider).

Vom Land in Städte und Dörfer

1930 erliess Reza Shah eine Verordnung, mit der alle nomadischen Wanderungen verboten wurden. Er befahl, dass alle Nomaden sesshaft werden sollten.

Nach der Abdankung von Reza Shah im Jahr 1941 kehrten viele wieder zu ihrer althergebrachten Lebensform zurück. Die Industrialisierung des Landes unter Shah Mohammed Reza und die damit einhergehende Urbanisierung übte einen massiven Einfluss auf die Lebensweise der Nomaden aus

Nach der iranischen Revolution von 1979 verlangsamte sich die industrielle Entwicklung merklich. Plötzlich ermutigte die Regierung Stammesangehörige, sich wieder vermehrt der Viehzucht zuzuwenden.

Herkunft und Abstammung

Die Shahsavan sind nicht alle türkischer Abstammung. Ein grosser Prozentsatz von ihnen ist iranischer, kurdischer, tadjikischer sowie georgischer Herkunft. Die Shahsavan wurden ja von Shah Abbas als Konföderation geschaffen und schlossen Bevölkerungsgruppen verschiedensten Ursprungs mit ein.

Viele Gebiete waren vor der Einwanderung der diversen Stämme ursprünglich Stammland der Kurden. Noch heute betrachten sich einige der wichtigsten Clane von Moghan, zum Beispiel die Moghanlu, als ursprünglich kurdischer Abkunft. Tatsächlich ist es der gemeinsame Gebrauch der türkischen Sprache, der die Shahsavan trotz ethnischer Unterschiede zusammenhielt.

Interessant ist auch, dass zur Zeit der Gründung der Safaviden-Dynastie Azerbeidjan-Türkisch die offizielle Sprache des Hofes wurde.

Der Lebensraum der Shahsavan

Das heute von den Shahsavan bewohnte Gebiet liegt im Nordwesten des Iran. Im Norden grenzt es an Asserbeidjan und Armenistan, im Süden dehnt es sich bis in die Gegend von Qom. Die Shahsavan leben verstreut in einem Gebiet, das sich als langer und schmaler Streifen von ungefähr 750 km Länge und 100 km Breite parallel zum Südwestufer des Kaspischen Meeres erstreckt.

Von den zahlreichen Clanen und Stämmen der Shahsavan-Konföderation leben einige schon seit Jahrhunderten in diesem Gebiet, andere erst seit neuerer Zeit.

In geographischer Hinsicht können die Shahsavan in vier grosse Gruppen unterteilt werden:

- von Moghan

- von Hashtrud und Mianeh

- von Khamseh und Bidjar

- von Qazvin, Saveh und Veramin

Einige Clane leben ausserhalb dieser grossen Lokalgruppen, als Beispiel die Inanlu, die in der Khamse-Region in der Provinz Fars siedeln. Aber auch in der Region von Chorasan wohnen Shasavan Stämme.

 

Die arbeiten der Shahsavan

Shahsavan Kelim

Die Shahsavan produzierten eine beträchtliche Zahl von Kelims unterschiedlicher Qualität. Mit Ausnahme der letzten Jahrzehnte haben sie kaum Florteppiche hergestellt. Der Kelim ist heute noch die allgemeine übliche Bodenbedeckung. Die dominierenden Dimensionen der Hauptmotive ziehen zuerst die Aufmerksamkeit auf sich. Kleinere Motive ergänzen die grösseren in den Nebenborten. Das Hauptfeld ist selten mit kleinen Mustern bedeckt. Typisch sind die Borten mit reziproken Mustern wie z.B. das «Laleh Abbasi» (Laleh = Tulpe) Motiv.

 

Khamse 174 x 328 cm
Hashtrud 162 x 303 cm
Bidjar 160 x 325 cm
Bidjar 110 x 336 cm
Khamse 213 x 313 cm

Die Djadjim

Der Begriff ist im Iran, Zentralasien, der Türkei und dem Kaukasus weit verbreitet. Er bezieht sich auf eine Gruppe Textilien, die eine spezielle Webstruktur haben. Bei dieser sind die Kettfäden sichtbar und bestimmen das Grundmuster (Kettreps). Am häufigsten wird dieses Gewebe als Decke, Ofendecke, Bettzeugbehälter oder als Packtuch verwendet.

Um einen Djadjim herzustellen, wird ein langes, schmales Band gewebt, das man auf die gewünschte Länge zuschneidet und zusammennäht. Die Streifen sind 15–20 cm breit. Zusammengenäht ergeben sich in der Regel die Masse von 150 x 160 cm bis 250 x 250 cm. Kette und Schuss bestehen meistens aus Wolle.

Verneh

Verneh ist eine dritte Gruppe von Flachgeweben und ist eine Besonderheit der Moghan-Shahsavan. Ausser ihnen und einigen Bevölkerungsgruppen im Kaukasus hat kein anderer iranischer Stamm Bodendecken, die alle speziellen Merkmale eines Verneh aufweisen. Eines der Kennzeichen ist die Webstruktur: umschlingendes Wickeln auf einem leinwandbindigen Grundgewebe. Der neuere Verneh-Typ ist lang und schmal und aus einem Stück gewoben. Das übliche Format beträgt 100 x 300 cm.

 

Moghan Mafrasch 105 x 40 cm
Minaeh Mafrasch Front 115 x 55 cm
Bidjar Mafrasch 60 x 100 cm

Mafrasch (Truhe)

Mafrasch, bei den Shahsavan oft als «Farmasch» ausgesprochen, ist eine gewebte oder geknüpfte Tasche; sie erfüllt die gleiche Funktion wie eine Truhe.

Die Ähnlichkeit ist nicht nur in der Art der Verwendung, sondern auch in deren Konstruktion zu finden. Wie die Holz- und oder die Metalltruhe hat ein Mafrasch eine dreidimensionale Form. Ungefüllt fällt ein Mafrasch in sich zusammen und beansprucht dadurch weniger Platz.

Shahsavan-Mafrasch können in der Technik des umschlingenden Wickelns, in Wirktechnik oder in einer Kombination dieser beiden hergestellt sein. Auch geknüpfte Arbeiten sind möglich.

Der Mafrasch wird in der Regel aus zwei Teilen gefertigt. Die beiden Längsseiten von 80–120 cm Breite und 40 – 60 cm Höhe werden mit dem Boden aus einem Stück gewoben oder geknüpft, ebenso die Schmalseiten mit einer Breite von 40–60 cm, die man dann auseinanderschneidet und an den Hauptteil annäht. Die verbundenen Teile werden danach zusätzlich mit dicken Wollfäden kordelartig umwickelt.

(siehe Torba 1/98)

 

Minaeh Kkordjin 118 x 44 cm
Mogan Khordjin 121 x 47 cm
Bidjar 58 x 27 cm
Minaeh Khordjin 68 x 26 cm
Bidjar Khordjin 64 x 29 cm
Minaeh Chanteh 38 x 43 cm
Löffeltasche

Khordjin (Doppeltasche)

Ein Khordjin besteht aus zwei in der Mitte verbundenen identischen Taschen. Die Grösse einer Einzeltasche kann die eines grossen Bodenkissen übertreffen, kann aber auch die Grösse einer Handfläche haben. In den grossen Khordjin werden Weizen und Gerste gespeichert oder Kleider und Haushaltgegenstände aufbewahrt. Die kleinen Formate dienen für die Aufbewahrung von Geld, Tabak, Näh- und Flickzeug, Schreibzeug und ähnliches.

Muster und Kompositionen der Khordjin verfügen über eine grössere Vielfalt als andere Shahsavan Textilien. Jeder Khordjin stellt ein paar kleine Teppiche dar. Die Weberin hat ihre Aufmerksamkeit auf diese reizenden kleinen Stücke konzentriert und ihre künstlerische Fähigkeit hauptsächlich in diesem Bereich gezeigt.

Qashoqdan (Löffeltasche)

Nomaden besitzen nur wenig Löffel, da sie gewöhnlich mit den Fingern essen. Löffel werden aber bei der Nahrungszubereitung gebraucht. Um diese Löffel zu versorgen, kennen die Shahsavan die Löffeltasche, eines der dekorativsten Textilien in ihrem Filzzelt. Die Tasche ist mehrteilig und besteht aus einem grossen und zwei kleinen Chanteh (einteilige Tasche).

Der an der Zeltwand befestigte Qashoqdan dient verschiedenartigen Zwecken: Seine Taschen sind mit Dingen wie Messer, Schere, Zündhölzer, Pfeifenoberteil, Medikamente und ähnlichem gefüllt. Gegenstände wie Schöpflöffel, Spachtel und Fotos hängen am Netzgeflecht.

siehe auch die Bildergalerie "Die Shahsavan"

siehe auch die Reportage "Das halbkugelförmige Filzzelt  Alachiq der Shahsavan Nomaden"

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