Die Kurden Ostanatoliens

 

Der grösste Kurde der Weltgeschichte war Saladin, genauer: Sultan Salah al Din al Ajubi, der erfolgreichste muslimische Gegner der christlichen Kreuzfahrer. Doch er beherrschte im 12. Jahrhundert kein kurdisches Reich, mögen das auch einige kurdische Nationalisten glauben. Sein Imperium umfasste Ägypten, Palästina und Syrien. Zu jener Zeit unterschied niemand im islamischen Orient zwischen Arabern, Persern, Türken oder Kurden, es gab nur Muslime, «Schriftbesitzer» (Juden und Christen) sowie die «Kuffar», die Heiden.

 

Immer mussten die Kurden, das selbst in den antiken Medern seinen Ursprung sieht und das seit wenigstens 2500 Jahren im Raum zwischen dem östlichen Anatolien, dem nördlichen Mesopotamien und West-Iran nachweisbar sein mag, Herrschern untertan sein, die grösseren «Völkern» entstammten. Ein kurdisches Grossreich, erst recht einen kurdischen Staat im modernen Sinne hat es niemals gegeben. Auch dies mag jene Erbitterung und jenen oft brutalen Fanatismus ein wenig erklären, mit denen manche Kurden heute für einen solchen eintreten. Die Kurden fühlen sich als von der Geschichte übergangene Opfer, und sie haben auch jetzt nicht den Eindruck, dass sich die Welt um ihr Schicksal über den Tag hinaus besonders schere.

Im Reich der türkischen Sultane genossen ihre Aghas und Fürsten im Osten Anatoliens viel Bewegungsfreiheit. Sie regierten nach den Regeln der Stämme. Die kurdischen Führer erkannten den Sultan zu Konstantinopel als den «Schatten Gottes auf Erden» an, der über alle Muslime weit und breit als der Kalif oder Nachfolger und Stellvertreter des Propheten Mohammed herrschte. Wenn es Streit mit der osmanischen Autorität und mit dem Militär gab, dann um Weidegründe und andere konkrete Fragen. Noch die kurdischen Aufstände in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts hatten solche Ursachen.

Das Zeitalter des Nationalismus erreichte in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts auch den Vorderen Orient. Die Erhebung des Kurden-Scheichs Ubaidallah 1880/81 in Ostanatolien war zum erstenmal vom Gedanken einer kurdischen Identität geprägt. Zwar ließ der Sultan sie niederschlagen, doch den Kurden waren unter Abdulhamid II. manche Erfolge beschieden.

In der Türkei hatten sich die Kurden zu Beginn der zwanziger Jahre noch am Befreiungskrieg der Türken gegen die Entente-Truppen und die Griechen beteiligt. Doch nachdem Mustafa Kemal Atatürk 1923 in Lausanne eine Revision der Autonomieversprechen des Abkommens von Sevres 1920 durchgesetzt hatte, griffen die Kurden im Osten wieder zu den Waffen. Doch Atatürk liess den Aufruhr brutal niederschlagen und die Anführer aufknüpfen. In der Staat-Werdung der jungen Türkischen Republik war dies tatsächlich ein wichtiger Schritt, für die Kurden hingegen eine traumatisch wirkende Tragödie.

In der republikanischen Türkei dauerten die Aufstände bis zum Jahre 1938 fort. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gelang es den Kurden nämlich für elf Monate, so etwas wie einen Krypto Staat zu errichten. Diese 1946 gegründete und noch im gleichen Jahr schon wieder zerstörte «Republik von Mahabad» ist unter den Kurden zur Legende geworden. Sie gilt manchen als das «kurdische Piemont». Als es den Amerikanern gelang, Stalin zum Rückzug seiner Truppen zu veranlassen, konnte der Schah das abtrünnige Gebiet zurückerobern.

Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ist durch beständige Unruhe in West-Iran ebenso gekennzeichnet wie durch bewaffnete Kämpfe im Irak und - in den vergangenen siebzehn Jahren - eben wieder in der Türkei. Bevor Abdullah Öcalan die Welt in Atem hielt, tat dies Mullah Mustafa Barzani.

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