Teppiche und Flachgewebe aus Westanatolien

Die Teppiche der westanatolische Knüpfgebiete können heute nach ihrer engeren geografischen Zugehörigkeit im allgemeinen leicht bestimmt werden. Sicher sind da und dort die Grenzen etwas verwischt, und es können Fälle auftreten, bei denen ein Teppich sehr schwer und unsicher zu lokalisieren ist. Die Bezeichnung «Westanatolier» ist deshalb zu summarisch und ungenau. Der Begriff sagt nichts aus über die Technik und die geografische Lage.

Der nördlichste Schwerpunkt mit Hereke liegt 650 km vom südlichsten Antalya entfernt.

Zum westanatolischen Teil gehören die Knüpfgebiete Istanbul-Hereke, Çanakkale, Ezine, Bergama, Yagcıbedir, Balikesir, Karakeçili, Gördes-Kula, Usak, Isparta, Afyon, Melas, Ayden, Manisa, Helvacı, Fethiye, Antalya, Silifke und Adana.

Der ganze Streifen von den Dardanellen bis hinunter nach Antalya ist heute verkehrstechnisch durch gute Strassen erschlossen. Sie führen uns vorbei an den grossen historischen Städten Troya, Bergamon, Ephesus, Perge und Aspendus.

In Westanatolien gab es eine Reihe bekannter Knüpfzentren: Im Gebiet von Bergama entstanden im 15. und 16. Jahrhundert die berühmten Holbein- Teppiche.

Ein anderes bedeutendes Zentrum war weiter im Süden der Ort Usak, wo vor allem die Lotto-Teppiche, die Stern- und Medaillon-Usaks hergestellt wurden. Im 18. und 19. Jahrhundert waren auch die westanatolischen Orte Gördes, Kula und Melas wichtige Knüpfzentren.

 

Die Teppiche von Hereke

Hereke 119 x 166 cm
Hereke 116 x 195 cm

Hereke liegt im Golf von Izmit am Marmarameer an der Strasse und Bahn von Istanbul nach Ankara. Unter Sultan Abd-ul-Medjid wurde 1844 in Hereke eine Manufaktur für Stoffe gegründet. 1890, unter Sultan Abd-ul Hamid, kamen Knüpfmeister aus Sivas, Manisa und Gördes. Sie erweiterten die Manufaktur und richteten eine Knüpferei ein, in der hochwertige Teppiche in allen, auch den grössten, Formaten und feinsten Einstellungen geknüpft wurden. Es waren und sind meist Varianten persischer, französischer und türkischer und daher elegant wirkende Teppiche. Mit dem Namen «Osman Muster» wurde ein eigener Stil entwickelt.

Brokatweber und Zeichner Zareh Penyamin (Zara Usta) wurde um 1900 wegen seiner schönen und feinen Teppiche berühmt. Er knüpfte in äusserst feiner Manier Seidenteppiche und broschierte reich in Silber und Gold.

Alte Hereke erreichen Spitzenpreise; sie sind oft signiert. Die Signatur war je nach Entstehungsdatum verschieden. Heute wird die Signatur in lateinischer Blockschrift an der Borte oben links angebracht. In den 60-er Jahren hat sich die Produktion dieser sehr feinen Teppiche (einige weisen Knotendichten von 3 Mio. Knoten/m2 und mehr auf) auf die ganze Region von Istanbul und Üsküdar auf der orientalischen Seite des Bosporus ausgebreitet. Heute stammen die meisten in der Türkei verkauften Herekes aus chinesischen Produktionen.

 

Panderma (Bandirma)

Die Knüpfereien von Panderma (jetzt Bandirma) sind teils seit Anfang des letzten Jahrhunderts, teils seit den Jahren kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, stillgelegt.

Man kann die Pracht dieser mit subtilstem Farbensinn geschaffenen Teppiche nur noch in Museen und privaten Sammlungen bewundern.

In sehr feiner Knüpfung wurden hauptsächlich Gebetsmuster mit prachtvoll wirkendem einfarbigem Mihrab in delikaten Pastelltönen, vornehmlich Vieux-rose, Pistache, Ivoire oder Blassblau, produziert.

 

Bandirma 105 x 157 cm
Bandirma 127 x 180 cm

Das Knüpfgebiet von Bergama

Bergama-Teppiche lassen sich bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen. Man unterscheidet zwischen dem türkischen und dem kaukasischen Typ. Die neuere Produktion ist nicht mehr bedeutend. Es werden in der Hauptsache Teppiche vom Typ Kiz-Bergama, Yagcibedir und Kozak geknüpft.

 

Yagci-Bedir

Lange bevor es in Sındırgı eine Teppichwelt gab, kamen Turkmenen und Tscherkessen über die weite anatolische Hochebene in das schöne, vom breiten Rücken des Berges geschützte Land. Die Männer bestellten die Felder, züchteten Kleinvieh und machten die ausgedehnten, dichten Wälder nutzbar. Sie versorgten als Köhler Smyrna, die nahe gelegene Hafenstadt, mit Holzkohle. Soweit lebten die Köhler recht und schlecht.

Just zu der Zeit, als begehrtere, effektivere Energiespender der Holzkohle ihren Markt streitig machten und die Feuerstellen eine nach der anderen erloschen, kam als Segen für die ganze Landschaft der Mann, den man Yagci- Bedir nannte.

Der Yagci-Bedir war der Butterhändler, der wöchentlich mit dem Korb auf dem Rücken die süsseste Butter zum Städtchen und zu den Nachbarorten brachte. Er wurde ein Vertrauter in den Häusern, und er hörte die Klagen über den Ausfall bei den Köhlern. Er erzählte von seinem einträglichen Nebenverdienst, seinen Teppichen. Er lehrte die Leute Teppiche knüpfen, Haus um Haus. Er schärfte ihnen ein, dass für seine Teppiche nur die beste Wolle gut genug sei und dass nur bei einer exakten Arbeit ein sauberes Bild entstehen könne. Man hörte auf den Mann, machte durchwegs schöne und gute Teppiche und nannte sie, wie den Mann, Yagci-Bedir.

Bergama 84 x 118 cm
Yagcibedir 116 x 160 cm
Karakecili 130 x 138 cm
Karakecili 125 x 190 cm
Karakecili 124 x 170 cm
Kosak 137 x 176 cm

Flachgewebe aus Bergama und Balıkesir

Die von Yüncü Yürüken gewobenen Tschowals, Decken Kelims in Schlitzwirkerei und Djadjims zeigen Muster aus dem Gebiet von Karabakh, dem heutigen Azerbaidjan. Die meisten davon wurden im Hausfleiss hergestellt.

 

Bergama 160 x 260 cm
Bergama 180 x 190 cm
Balikesir 130 x 163 cm
Bergama Zili 146 x 212 cm
Bergama 154 x 211 cm
Bergama 140 x 189 cm
Balekesir 67 x 100 cm
Balekesir 60 x 97 cm
Balekesir 59 x 100 cm
Fruchtbecher der Knopperneiche
Dobag Wolle

Das Tobag-Projekt

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fand der deutsche Chemiker Dr. Harald Böhmer bei einer Reise in die Türkei heraus, dass die von Teppichknüpfern verwendeten Kunstfarben schon nach wenigen Jahren ihre ursprüngliche Farbenpracht verloren. Antike, zum Teil mehrere hundert Jahre alte Teppiche sahen dagegen noch weitaus leuchtender und frischer aus. Der Deutsche wurde neugierig und untersuchte dieses Phänomen genauer. Böhmer entdeckte, dass in einem Zeitraum von rund 80 Jahren die ursprünglich eingesetzten Pflanzenfarben vollständig durch Industriefarben verdrängt worden waren. Keine einzige Knüpferei in der Türkei wandte noch die traditionellen Methoden an. Das Wissen um die Naturfarben war im Lauf dieser Zeit vollständig verloren gegangen.

Böhmer forschte weiter. Einige Jahre später hatte er die Rezepte der traditionellen Farben wieder beieinander. Krappwurzeln für Rot, Kamille für Gelb, Blau aus Indigo, Schwarz aus Eichelbecher und noch einige mehr.

1982 gelang es dem Doktor, mit Mitteln aus der Entwicklungshilfe zwei Teppich-Kooperativen zu gründen, die ihre Teppiche von überragender Qualität nach den traditionellen Methoden fertigten. Aus einer davon wurde die erste Kooperative der Türkei, die ausschliesslich von Frauen geleitet wird.

Obwohl es sich beim Dobag-Projekt, so der offizielle Name, um ein Entwicklungshilfeprojekt handelt, trägt es sich selbst aus den Verkaufserlösen der Teppiche. In alle Welt werden die Dobag-Teppiche heute in kleinen Stückzahlen vertrieben.

 

Knüpferin von Yuntdag
Knüpferin von Yuntdag
Dobag Teppich von Yuntdag
Gördes 145 x 194 cm
Gördes 119 x 185 cm
Gördes 134 x 193 cm

Gördes

Die alte Stadt Gördes hat für den Orientteppich grosse Pionierdienste geleistet. Auch knüpftechnisch ist Gördes für die Fachwelt von grosser Bedeutung. Der Gördesknoten wird heute in Fachkreisen «Türkischer Knoten» oder «symmetrischer Knoten» genannt. Diese Hochburg der Knüpfkunst erlitt ein jähes Ende, als die Stadt im türkisch-griechischen Krieg im Jahr 1922 gebrandschatzt und vollständig zerstört wurde.

 

Kömürçü Kula

Die dunkle Grundfarbe verschaffte dem Teppich aus der Umgebung von Kula den Zunamen Kömürçü (Köhler, Kohlenhändler). Die kleineren Masse dienten oft dem Totenkult. Im Totenhaus wird der Tote mit dem Teppich zugedeckt und auch darauf zu Grabe getragen.

 

Kömürçè 138 x 175 cm
Kula Kelim 116 x 155 cm
Schweizerische
Orientteppichhändler
Vereinigung SOV
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