Auf den Spuren der Nomaden

Ein wesentlicher Unterschied zwischen nomadischer und sesshafter Lebensweise besteht in der Art, persönliche und häusliche Gegenstände aufzubewahren. Der Schrank, die Truhe sind Fremdwörter in der Sprache der Yürüken. Decken, Kleider, Schuhe, Schmuck, Andenken, Geschenke, Medikamente, alles bewahren sie in Tschowals, in Säcken auf.

Eine Referenz für die junge Frau

So wie es für die Braut im Dorf oder in der Stadt von grösster Wichtigkeit ist, ein oder zwei Truhen zu besitzen, die ihre Mitgift enthalten, so ist es auch für eine Yürükin, die in den Ehestand tritt, von vordringlicher Notwendigkeit, die Tschowals für den neugegründeten Haushalt mitzubringen. Der Brauch schreibt ein Paar Ala-Tschowals vor, die den Eheleuten zur Aufbewahrung von Kleidern und Bettzeug dienen; "ala" bedeutet "rot", wird aber auch für "schön" gebraucht, wie z.B. Ala Gelin =hübsche Braut. Zum Aufbewahren von Haushaltgegen- ständen, von Korn und Mehl fertigt die junge Frau einige Kapi-Tschowals (Kapi =Türe) und Un-Tschowals (Un =Mehl). Damit die zukünftigen Schwiegereltern von ihrer neuen Tochter einen guten Eindruck erhalten, gibt sich die Braut besondere Mühe beim Weben der Stücke. Nach dem Spinnen und Zwirnen der Wolle bringt sie die Wolle zum Färber oder wartet, bis dieser auf die Stör kommt.

Die ideale Zeit zum Anfertigen der Tschowals sind die Monate, die die Nomaden im Kisla (Winterweide) verbringen. Dann fällt am wenigsten Arbeit an:

Die Schafe müssen nicht gemolken werden, es fällt auch die mühsame Herstellung von Butter und Käse weg. Im Gegensatz zu den Nomaden in Persien arbeitet die Weberin in der südöstlichen Türkei senkrecht, von unten nach oben. Zuerst spannt sie den Kettfaden auf, welcher entweder aus gezwirntem Ziegenhaar oder aus sehr langfasrig gezwirnter Wolle besteht. Wolle macht den Tschowal etwas weicher und schmiegsamer. Arbeitet die junge Frau in Umwicklungstechnik, ist sie auf die Mithilfe einer zweiten Weberin angewiesen, die ihr von der Gegenseite des Webstuhles den Wollfaden zurückgibt. Da der Tschowal im Zelt nur von einer Seite gesehen werden kann, wird nur die Vorderseite in einer musterbildenden Technik gewirkt. Die Rückseite wird meistens mit Wolle oder Ziegenhaar in Leinwandbindung oder Schussreps verarbeitet

Die Yürüken welche ihre Winterweide auf der südlichen Seite des Taurus-Gebirges haben, benützen in der Regel zwei Zelte pro Familie: Das Haushaltzelt, in dem man kocht, Brot backt und die Essvorräte aufbewahrt, und das Wohnzelt, das je nach Grösse der Familie in Schlaf- und Wohnteil unterteilt ist. Hier werden die Ala- und Kapi-Tschowals den Zeltwänden entlang aufgestellt, und man lehnt sich an sie wie an Kissen, wenn man auf dem Boden sitzt. Ein besonderes Erlebnis ist es, wenn eine Yürükin ihren AlaTschowal öffnet und den Inhalt präsentiert. Die schönsten Arbeiten ihrer Mädchen- und Brautzeit breitet sie mit viel Stolz aus. Auch Stücke ihrer Mutter hat sie sorgfältig aufbewahrt. Sie weiss viel darüber zu erzählen. Ein Hauch Wehmut liegt in ihren Worten; sie bedauert sehr, dass die heutigen jungen Mädchen nicht mehr gewillt sind, diese Arbeiten auszuführen. Und doch versteht und akzeptiert sie die veränderten Lebensformen.

 

Schwierige Herkunftsbestimmung

Auf meinen etlichen Toros-Reisen versuchte ich, die Unterschiede in der Herstellung bei den verschiedenen Stämmen festzustellen, um so auf den genauen Herkunftsort der Tschowals schliessen zu können. Bei einigen Provenienzen ist mir das auch gelungen. Die Tschowals von Silifke sind in Schlitzwirkerei gewoben, dieienigen aus Adana in einer speziellen Umwicklungstechnik. Oft lässt die Grösse auf die Herkunft schliessen, markant sind auch die seitlichen Tragbänder. Die Muster sind in den letzten Jahrzehnten durch die Mobilität der Nomaden verschleppt worden und können zur genauen Identifizierung nicht mehr gebraucht werden. Ein gutes Erkennungsmerkmal ist hingegen das verwendete Material: Die Wolle von Mut ist in der Regel dunkelbraun und wird oft für die Kette verwendet, diejenige von Adana ist weiss, sehr fein und langfasrig. Wurde für Kette und Schuss Ziegenhaar verwendet, könnte der Tschowal von Yürüken von Tarsus, dem Stamm der Karo Koyunlu (= schwarze Schafe) gewoben sein.

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