Auf den Spuren der Nomaden

Die Nomadenfamilie

Die kleinste soziale Einheit bei den Gaschgai ist heute noch der Haushalt (huna oder av), der aus einer Kernfamilie besteht. Jeder Haushalt ist durch ein männliches Familienmitglied vertreten, das als Oberhaupt anerkannt und damit verantwortlich für das Verhalten aller Mitglieder ist.

Im allgemeinen ist der Haushalt eine Produktions- und Verbrauchergemeinschaft, in der jedem Familienmitglied ein ganz bestimmter Aufgabenbereich zugeteilt wird; eine alleinlebende Person hätte keine Überlebenschance.

Die Aufgabenverteilung ist folgendermassenfestgelegt: Arbeit, die Kontakte zur Aussenwelt notwendig macht, bleibt den Männern vorbehalten; alle produktiven Arbeiten mit Ausnahme der Schafschur und Herdenbetreuung werden von den Frauen erledigt. Auch die Erziehung der Kinder, die medizinische Betreuung der Kinder und Tiere und die Kontakte zur Verwandtschaft liegen in ihrer Obhut.

 

Die Gaschgai Nomadin hat demnach ein enormes Arbeitspensum zu leisten. Sie ist sich ihres Stellenwertes in der familiären Hierarchie bewusst und lässt sich in Gesellschaft nicht das Wort verbieten. Sie zeigt auch keine Scheu vor Fremden. Eine kräftige Frau kann nicht mehr als 100 Milchtiere betreuen. Bei einem grösseren Tierbestand ist der Nomade folglich gezwungen, mindestens eine weitere Frau zu heiraten. Im Iran ist dies seit Einführung der Islamischen Republik ohne Probleme wieder möglich. Es ist erstaunlich, wie zwei, ja sogar drei Frauen im gleichen Haushalt leben und den ihnen zugewiesenen Aufgabenkreis erfüllen können.

Die Ältere, die Erste, ist sogar glücklich darüber, dass ihr die Last der Nachkommenschaft durch eine Jüngere abgenommen wurde. Sie bleibt jedenfalls die Frau in der Familie, die das Sagen hat. Sie ist weiterhin verantwortlich für die Pflege der Rituale, das Erhalten der Traditionen und Werte der Sippe.

Innerhalb dieser Verbrauchsgemeinschaft leben einige Familien, die in der Regel ein bis zwei schwarze Ziegenhaar-Zelte besitzen, gleichbedeutend der Familie als Einheit.

Das jungvermählte Paar bezieht nach der Heirat das eigene Zelt, das die Frauen beider Verwandtschaften während der Brautzeit angefertigt haben. Im Zusammenleben von Nomadin und Nomade ist die gegenseitige Abhängigkeit und Verbundenheit viel grösser als bei anderen Lebensformen.

Die Familien des jungen Paares wünschen sich natürlich recht bald Nachwuchs. Das Erstgeborene sollte ein Knabe sein, denn nur ein männlicher Nachkomme zählt in der Familie.

 

Die junge Frau ist sich ihrer Pflicht und Aufgabe bewusst! Sie versucht aber, dank überliefertem Wissen den Termin für eine Geburt so einzurichten, dass die Niederkunft des Kindes nicht in die strenge Sommerweide – und Wanderzeit fällt.

Die Nomadin darf sich während der Zyklusblutung zurückziehen, da sie dann als unrein gilt. Sie muss nicht im gemeinsamen Zelt schlafen.

 

Sind männliche Gäste zu bewirten, setzt sie sich nicht ans gemeinsame Sofreh (Esstuch). Ihr Essen nimmt sie erst nach dem Abräumen zu sich. Ebenso halten es auch die Mädchen einer Familie. Der Knabe nimmt am Gesellschaftsleben der Männer teil und geniesst so mehr Privilegien als seine Schwestern.

Schon früh werden die Kinder zur Arbeit angehalten. Sie dürfen in spielerischer Art den Vater auf die Weide begleiten und der Mutter beim Feuern, beim Brotbacken, beim Kochen und Spinnen mithelfen.

Die Schule kommt dabei nicht zu kurz. Besucht man im Sommer ein Nomadenzeltdorf, sieht man schon von weitem aus all den schwarzen langförmigen Zelten ein weisses Rundzelt herausragen. Dies ist die Unterkunft und Schule des Lehrers. Die Iranische Regierung schickt Studenten anstelle des Militärdienstes zu den Nomaden, damit sie dort den Kindern Unterricht im Lesen, Rechnen und Schreiben erteilen.

Die Schulpflicht ist bekannt im Iran, wird aber von den Nomaden nicht zu streng genommen. Mit andern Worten: Der Lehrer steht den Nomadenkindern zur Verfügung. Gute Schüler haben die Möglichkeit, in Shiraz in eine für Nomaden eingerichtete Schule zur Weiterausbildung zu gehen.

Einige davon sitzen an unseren Universitäten in der westlichen Welt und kehren mit dem Erlernten zurück, um ihr Können und Wissen ihrem Land, Stamm und Familie zur Verfügung zu stellen: Eine von ihnen ist Fatma, die Tochter eines Gaschgai Khans, welche ich an einer Hochzeit in den Bergen des Zagros kennenlernte.

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