auf den spuren der nomaden

Die Gastfreundschaft – eines der wichtigsten Gebote.

Der Beginn unserer diesjährigen Einkaufs- und Informationsreise in den Iran war mit einigen Stolpersteinen gepflastert:

Die Flüge mit der Iran Air hatte ich recht früh gebucht, ich wollte sicher sein, dass wir vier Personen die grossen Distanzen per Flugzeug zurücklegen können. Meine Rechnung ging nicht auf. Die Einreisebewilligung kam wie schon oft zu spät! Die Reise wurde von einem zum anderen Tag verschoben. Was soll’s, es schadet nichts, sich schon vor der Abreise in Geduld zu üben.

Über London und Larnaka erreichten wir drei Tage später doch Teheran. Mit einem Englisch sprechenden Fahrer fuhren wir gleich nach der Ankunft über Isfahan nach Shiraz. Dort war ein Besuch bei den Gaschgai Nomaden angesagt. Die zwei Iran-Neulinge konnten es fast nicht erwarten – wir wurden aber dann für unsere Geduld reichlich belohnt.

Golamreza, unser Teppichhändler in Shiraz, ist immer für eine Überraschung gut. Ich durfte das xte Mal mit ihm zusammen zu den freilebenden Nomaden fahren. Dieses Mal fuhren wir aber in ein Gebiet, das mir fremd war. Auf meine Frage diesbezüglich schmunzelte er und meinte: «Warte nur und lass dich überraschen». Mit GPS und der eher nicht so guten Karte verfolgte ich unseren Weg. Nach zweistündiger Fahrt erreichten wir eine Hochebene – noch eine kleine Steigung – vor uns lag an einer Quelle ein Nomadenzeltdorf (N 30° 27,800` E 52° 31,170` 2200 m.ü.M. ) Wir zählten etwa 15 Zelte.

 

Wir wurden mit viel höflichen Worten empfangen. Die Nomaden hatten uns erwartet – alle waren festlich angezogen –, die Zelte aufgeräumt (oder ist diese Ordnung normal)! Die etwas scheuen Kinder versteckten sich hinter den Zelten; sie wollten erst abwarten und uns aus Distanz beobachten.

Unsere beiden Neuen konnten sich an den Bildern, die sich ihnen öffneten, nicht sattsehen.

Wahrlich, in der Zeit wird man zurückversetzt – läge nicht ab und zu ein Plastikkorb oder eine Pfanne aus Aluminium herum, könnte man meinen, 100 Jahre früher zu leben.

Wir durften alle Zelte besuchen – trotz der festlichen Stimmung zeigten uns die Frauen, wie sie an ihren Knüpfstühlen arbeiten.

Hier webt eine Nomadin an einem Djadjim mit weinroter Grundfarbe. Der Alte ist zerschlissen. Wie schnell kommt sie zu einem schlechten Ruf, wenn ihr Hausrat nicht in einem guten Zustand ist!

Der Djadjim wird neben anderer Verwendung auch zum Abdecken des Hausrates gebraucht. Erstaunlich ist, dass sie maschinengesponnene und chemisch eingefärbte Wolle verarbeitet. Sie hat dazu zwei Erklärungen: Zum einen gefällt es ihr, wenn die Farben recht leuchten, zum anderen ist die maschinell gesponnene Wolle und Baumwolle billiger.

Jedes Zelt hat einen eigenen Charakter: Hier liegen alte Gabbe und Gaschgai Teppiche, dort hat es alte Kelim, die auf dem Boden ausgebreitet sind. Aber auch maschinell gefertigte Teppiche ver(un)zieren den Wohn- und Schlafbereich der Nomaden.

Nach gut einer Stunde bittet man uns, es uns in einem der grösseren Zelte bequem zu machen. Der Boden ist mit älteren Kelim und Teppichen belegt. Ringsum hat es Kissenrollen. Wir lassen unsere Schuhe draussen und versuchen, mit gekreuzten Beinen zu sitzen. Interessant ist nun, dass alle Frauen aus unserem Gesichtsfeld verschwunden sind. Bei jedem von uns hat es einen Aschenbecher und daneben teure amerikanische Zigaretten. Tee, Melonen und Kirschen werden serviert.

Ich versuche mit dem Stammesältesten ins Gespräch zu kommen. Herr Kamali ist mir dabei als Übersetzer behilflich.

Nicht unweit des Zeltes wird einer Mauer entlang emsig auf verschiedenen Feuerstellen gekocht. Die jüngeren Männer sind ihren Frauen dabei sehr behilflich. Eine gute Stunde später wird serviert und zwar folgendes: Auf einem 600 x 200 cm grossen Plastiktuch wird aufgetragen, mehr und besser als in einem 5-Stern-Hotel: Vier verschiedene Arten von Reis. Fisch vom persischen Golf, Hähnchen gebraten und gekocht, Lamm gegrillt, Ziegenfleisch gekocht. Ja, sogar im Öl fritierte Kartoffeln werden serviert. Daneben Gemüse, Salate, Zitronen und Yoghurt. Zum Trinken gab es Ayram, Coca in Büchsen und Quellwasser.

Um das grosse Plastiksofreh sassen nun etwa 25 Männer und deren Söhne. Es wurde still – alle waren mit dem Essen beschäftigt. Wir waren vom Angebot überwältigt – wir versuchten von allem – selbst vom Ayram (Yoghurt mit Wasser und etwas Salz) haben wir getrunken.

Früchte und Tee rundeten das köstliche Essen ab.

Das ungewohnte Sitzen bereitete einigen von uns langsam Probleme. Wir waren froh, als das Sofreh weggeräumt wurde – die Männer sich der Länge nach hinlegten – eine Zigarette rauchend – eine Tasse Tee schlürfend oder einfach sich ausruhend.

Jetzt ist die Zeit der Frauen gekommen. Vom Essen war soviel übriggeblieben – in einigem Abstand, etwas versteckt, sassen sie nun alle beieinander und assen, indem sie laut gestikulierten, von dem was übriggeblieben war.

Nach der Siesta gab es erneut Tee und Melone.

Langsam wurde es Zeit. Ein letzter Rundgang – ein letzter Gruss. Wir fuhren zurück nach Shiraz. Jeder von uns in Gedanken...

Ein Ausspruch eines unserer Teilnehmer: «Dieser Besuch, diese Gastfreundschaft, all das Erlebte war so überwältigend – es kommt in meiner Erlebnisspalette gleich anschliessend an die Geburt meines Kindes»!

Ich selber frage mich immer nach solchen Besuchen: Wie würden wir uns im umgekehrten Fall verhalten?

 

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