Auf den Spuren der Nomaden

Das halbkugelförmige Filzzelt «Alachiq» der Shahsavan Nomaden

Seit über zwanzig Jahren bereise ich nun den Orient von Anatolien bis zum äussersten Zipfel von Afghanistan. Dabei begegnete ich vielen Nomaden mit ihren verschiedenen Zeltformen.

Eine Zeltart hatte ich nie in natura sehen können, das weisse halbkugelförmige Filzzelt «Alachiq» der Shahsavan-Nomaden im Nordwesten des Iran. Diesen Wunsch konnte ich mir dieses Jahr erfüllen. Mit Jakob zusammen bereiste ich von Ardebil aus während einiger Tage die Sommerweiden der Moghan-Shahsavan.

Es war gar nicht so einfach, die Infrastruktur für diese Reise zu organisieren. Wir brauchten ein geländegängiges Fahrzeug, einen Fahrer, einen persisch-englisch sprechenden Übersetzer sowie einen Kenner der Gegend, welcher der türkischen wie der persischen Sprache mächtig ist. Mit Hilfe unseres Teppichhändlers konnte aber alles organisiert werden.

Mit Mösen, unserem Übersetzer, flogen wir nach Ardebil, wo uns unsere Begleiter mit einem älteren Jeep bereits erwarteten. Unser Reiseziel konnten wir bereits auf dem Flughafen erspähen: den 4811 m hohen Savalan, ein erloschener kegelförmiger Vulkan, an dessen Abhängen die Shahsavan ihre «Yeilaq» Sommerweiden haben.

Arbeit gegen Autoreifen

Das Gepäck war schnell im und auf dem Jeep verstaut. Das Gefährt machte mir aber einen unzuverlässigen Eindruck. Besonders die Bereifung gefiel mir nicht. Ali, der Chauffeur, war überglücklich, als wir ihm in Ardebil neue Reifen kauften. Dabei gingen wir einen Handel ein: Zwei Pneus mit Schläuchen für zwei Tage chauffieren.

Anderntags starteten wir mit ausreichend Proviant zu unserer kleinen Feldforschung. Den ersten Nomaden begegneten wir auf 2250 m.ü.M mit ca. zwanzig Zelten. Die meisten der Zelte waren aus Plastik oder stammten aus Militärbeständen. Erst am folgenden Tag hatten wir die Gelegenheit, ein sehr gut erhaltenes Zelt zu besuchen.

Auf 2770 m.ü.M 38°19,500‘ N und 47° 50,980‘ E leben zwölf Familien in ihren Zelten. Das ganze Lager war auf einer Terrasse aufgebaut mit Blick auf die Ebene von Meshgin Sahr.

 

Ich staunte nicht schlecht beim Besuch eines dieser gut erhaltenen Zelte. Der Innenraum ist mit Textilien reich ausgestattet: Am Boden ausgebreitet liegen Flachgewebe in Umwicklungstechnik und Djadjim. Mit Bettzeug und persönlichen Gegenständen gefüllte Mafrasch lagen an den Wänden. Eine Löffeltasche «Qashoqdan» und verschiedene Taschen hingen ebenfalls am Zeltgerüst und verstärkten die farbenprächtige Erscheinung des Zeltraumes.

Gerüstet für starken Wind

Interessant ist die Konstruktion des Zeltes. Das «Alachiq» besteht aus einem Dachkranz und aus einer Anzahl gebogener Stangen und ist mit einem weissen Filz bedeckt. Der Dachkranz, «Chambareh» genannt, setzt sich aus einem kreisförmigen, etwa 15 cm hohen Holzrahmen mit einem Durchmesser von etwa 100 cm und sich kreuzenden, halbkugelförmig gebogenen Verstrebungen zusammen. Die gebogenen Stangen tragen das Gewicht des Filzes und trotzen unter Zug den starken Winden. Zur Errichtung des Zeltgerüstes werden die Stangen mit dem unteren Ende in den Boden gestossen. Die oberen Enden gehören in die Öffnungen des Dachkranzes.

 

Damit das Zelt genügend Stabilität erhält, wird in der Mitte des Dachkranzes ein schwerer Stein (100 kg oder mehr ) angehängt, oder der «Chambareh» wird mittels eines langen Härings und Seilen auf den Boden gezogen. Der Basisdurchmesser im Zeltinnern beträgt etwa 6 bis 7.5 m. Die maximale Höhe bis zum unteren Rand des Dachkranzes misst 2 bis 2.5 m.

Auf das Zeltgerüst werden dreieckige weisse Filzstücke gelegt und mit Bändern von innen her an den Stangen befestigt. Ein besonderes Filzstück dient als Türe und ist meistens mit Stickereien verziert. Damit der Rauch des Feuers abziehen kann, wird auf der Seite eine Öffnung belassen. Die meisten der Familien besitzen zwei Zelte, wobei das zweite mehr für die Vorräte und das Kochen gebraucht wird.

In Ardebil und anderen Basarorten gibt es noch heute «Alachiq» Hersteller, welche auf Bestellung hin ein Zelt anfertigen. Leider ist der Anschaffungspreis für die Nomaden sehr hoch. Aus diesem Grund kaufen immer mehr Shahsavan ausrangierte Armeezelte.

Der für mich eindrücklichste Besuch geschah am letzten Tag unserer Reise in den Savalan. Unser Jeep hatte Mühe, den steilen und schmalen Karrenweg hochzufahren. Wir bogen um eine Felskante, und vor uns lag an schönster Stelle das «Taschltsche» (der Platz mit vielen Steinen) genannte «Yeilaq» (Sommerweide). Der 78jährige Hatschi Ibrahim begrüsste uns herzlich und zeigte uns den ganzen Yeilaq mit allen 25 Zelten. Er war mächtig stolz, uns von den 3000 Schafen und Ziegen zu berichten, die hier weideten.

Einige Frauen buken Brot, andere waren mit Hausarbeiten beschäftigt. Die vielen Kinder hielten sich aus Ehrfurcht und Respekt diskret zurück.

Sieben Söhne um sich herum

Bei einem bescheidenen Mittagessen (Yoghurt, Käse, Brot und Tee) erzählte uns Hatschi Ibrahim ein wenig aus seinem Leben. Alle seine sieben Söhne leben hier auf dem Yeilaq. Die drei Töchter sind mit weit verwandten Shahsavan verheiratet. Die Zahl der Gross- und Urgrosskinder kannte er nicht so genau, dies vorallem, weil oft die Mädchen gar nicht mitgezählt werden. Eine seiner Aussagen lautete: «Weisst Du Edi, vor drei Jahren verkauften wir die letzten Kamele. Die älteren Grosskinder kommen nicht mehr mit auf die Weide; sie suchen sich ihr Glück in den Städten. Du hattest recht, uns jetzt zu besuchen, denn in zehn Jahren wirst Du nur noch ein paar wenige Zelte hier am Savalan antreffen. Sollte Dein jüngster Sohn uns mal besuchen wollen, kommt er vergebens.

sh torba report Shahsavan

 

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