Die Kaukasen

Land und Leute

Die kaukasischen Teppiche stammen aus dem etwa 400'000 km2 grossen Gebiet zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer, Kaukasus genannt. Schon der alte Russland-Baedeker schreibt: “Der Kaukasus, der grosse Grenzwall Asiens und Europas, erstreckt sich in der Richtung von Ostsüdost nach Westnordwest von der Halbinsel Apscheron am Kaspischen Meer bis zur Kuba-Mündung am Schwarzen Meer. Die ganze Länge des Gebirges beträgt 1280 km, die Breite wechselt von 100 bis 225 km”.

Seinem Aufbau nach ist der Kaukasus ein Kettengebirge, das seine Entstehung, wie auch unsere Alpen, einer Auffaltung der Erdkruste verdankt. ln erdgeschichtlich junger Zeit sind zudem zwei Vulkanmassive aufgebrochen, im Nordwesten der Elbrus, der mit 5642 m höchste Gipfel des Kaukasus - im Volk der “Geisterkönig” genannt- und südöstlich davon der 5043 m hohe Kasbek, nicht minder sagenumwoben. Sie sind die höchsten Berge des Kaukasus, von denen allein zwanzig höher sind als der Montblanc.

Für uns ist nur der südliche Teil des Kaukasus, und da besonders das Gebiet des Kleinen Kaukasus, interessant. Ausnahme: Dagestan, ein Gebiet nordöstlich des Kaukasusgebirges. Der ganze südliche Teil des Kaukasus gehört heute zur Sowjetunion, wo es in drei Unions-Republiken Georgien (Hauptstadt Tbilisi), Armenien (Hauptstadt Jerewan), Aserbaidschan (Hauptstadt Baku) und 11 autonome Bezirke, darunter die multinationale autonome Republik Dagestan, unterteilt ist.

Die Vegetation des Kleinen Kaukasus kann als üppig bezeichnet werden. Besonders die Nord- und Ostabdachungen zu den transkaukasischen Niederungen hin, aber auch die westlichen und zentralen Binnentäler, zeichnen sich durch dichten Waldbestand aus. Nicht ohne Grund nennt man den sowjetarmenischen Anteil am Kleinen Kaukasus - und besonders die Region um Dilijan - die “Armenische Schweiz”. Bis zu einer Höhe von 1500 m wachsen Eichenwälder, darüber vermischen sich Buchen- und Eichenbestände, in Höhe um 2000 m kommen Birken und Alpwiesen dazu.

Typisch für den Kaukasus ist, dass hier nichts gilt, von dem nicht auch das Gegenteil wahr wäre. Gegensätze und Verschiedenheiten kennzeichnen Land und Leute.

Was zB das Klima betrifft, wechseln Zonen des ewigen Schnees mit paradiesischen Alplandschaften voller Blumen mit dürrer Steppe, während die Meeresküste sich sehr tropisch schwül zeigt. Zu Füssen des Kaukasusgebirges hat die Sowjetunion eine Weinstrasse gebaut, wo Trauben, Orangen und Zitronen, Feigen und Pfirsiche, Aprikosen, Pflaumen, Oliven, Mandeln, Birnen und Äpfel in Hülle und Fülle wach­ sen. Im Mittleren Kaukasus gibt es noch echte Urwälder, die mit Eichen und Kiefern, Tannen und Birken bewachsen sind und die sehr wildreich sind. Festgestellt wurden Büffel, Bären, Tiger, Leoparden, Hirsche, Rehe, Wildschweine, Biber und Hasen, aber auch Hyänen und Schakale, Löwen und Füchse, Geier und Adler. Das ganze Gebiet ist überreich an Vögeln und Fischen, und vom Kaspischen Meer kommen auch der Kaviar und der Stör als Leckerbissen zu uns.

 

Der kaukasische Raum gehört in sprachlicher und ethnischer Hinsicht zu den interessantesten Gebieten der Erde. Seine Bevölkerung setzt sich aus einer Vielzahl von Volks- und Sprachengruppen zusammen. Man unterscheidet indogermanische Völker (Armenier, Kurden, Osseten), Turkvölker (Kumüken, Nogaier, Aserbaidschaner) und die kaukasischen Völker (Georgier, Abchasen, Dagestaner u.a.). Letztere zerfallen in eine unüberschaubare Anzahl von Einzelstämmen, zwischen denen es neben sprachlichen auch erhebliche kulturelle Unterschiede gibt.

Die gegenwärtige ethnische Konstellation gründet auf einer um 2000 v.Chr. einsetzenden Einwanderungswelle indogermanischer Stämme aus den innerasiatischen Steppen nach Vorderasien und ihrer teilweise Vermischung mit der in ansässigen und kulturell noch relativ einheitlichen Kura-Araxes-Kultur. Dann dem Vordringen der aus dem Nordwestiran stammenden Churriter ins südliche Transkaukasien nach 2000 v.Chr., dem um 1200 v.Chr. erfolgten 'Nord- und Seevölkersturm' und dem Einfall indogermanischer Kimmerier (8.Jh. v.Chr.), Skythen und Uratäer = Vorfahren der Armenier (7.Jh. v.Chr.) sowie Perser (Meder) im 6.Jh. v.Chr. Als letzte grosse ethnische Gruppe drangen seit dem 8.Jh. n.Chr. nomadische Turkvölker (vor allem tatarische Stämme) in die Kaukasusregion vor. Dem Hindernis Grosser Kaukasus mit seinen zahlreichen abgeschiedenen Gebirgstälern ist es zu verdanken, dass die Wanderbewegungen vieler Völker hier ein Ende fanden. Sie verschmolzen mit den bereits ansässigen ethnischen Gruppen oder suchten in den Gebirgsregionen Schutz vor Eroberung und Überfremdung und bewahrten so ihre Sprache und Kultur über die Jahrhunderte.

In der Antike war das Kaukasusgebiet Bestandteil bzw. Randzone der Weltreiche der Assyrer, Meder, Perser und Römer. Auch die grossen Weltreligionen haben Kau­kasien alle erreicht. Einen starken Einfluss übte das Christentum in seiner orthodoxen byzantinischen Form aus, aber auch der Parsismus, der Buddhismus und letzten Endes der Islam. Aber, der ganzen Vielfalt der Kaukasen entsprechend, waren selbst so grosse Religionen wie das Christentum und der Islam in so viele Sekten und Gruppen zerspalten, dass nicht einmal die nebeneinander lebenden Armenier und Georgier eine gemeinsame Kirche unterhielten.

Noch komplizierter wurde die Situation durch die Landnahme der Russen, die in zahlreichen Kriegen seit Peter dem Grossen, der Türkei und Persien das Kaukasus­gebiet abnahmen. Gewaltsame Umsiedlungen und Vertreibungen-aber mehr noch eine energisch durchgeführte Industrialisierung der nomadischen und bäuerlichen Bevölkerung - brachten die grösste Umwälzung seit drei Jahrtausenden. Die russische Eroberung, die Russifizierungspolitik, die Revolution von 1917 und ihre Folgen, die Herrschaft Stalins und die Ereignisse während des 'Grossen Vaterländischen Krieges' haben die kleinen Volksgruppen dezimiert und manche von ihnen so gut wie ausgelöscht. Die Tscherkessen zum Beispiel, die einst in dem Gebiet, das heute Karatschejewo-Tscherkessische Autonome Region heisst, den Hauptteil der Bevökerung aus machten, sind zusammen mit vielen gleichfalls moslemischen Abcha­siern seit 1864 ins Exil abgewandert, vor allem in die Gebiete des damaligen Osmanischen Reiches. Sie stellen heute innerhalb der UdSSR eine kaum mehr auszumachende Minorität dar. Zwar ist das Land im Gebirge und an seinen beiden Flanken auch unter der sowjetischen Einheitsfarbe immer noch ein ethnischer Flickenteppich, doch wie in aller Welt jedes Jahr seltene Tier- und Pflanzenarten verschwinden, das Leben an Vielfalt verliert, so geht es auch mit der Vielgesichtigkeit des Volkslebens: die alten Sprachen kleinerer Gruppen, die alten Sitten, Trachten, kurz alles, was ein Volk zu einer eigengeprägten Gruppe macht, ver­schwindet unter einem Einheitsgrau. Immerhin hatten ausser den Georgiern (Grusiern)-oder richtiger Karteveliern-auch die Armenier und die türkischen Aserbaidschaner eine eigene Sowjetrepublik. Die Osseten, Abchasier, Adscharen (Kartvelier moslemischen Bekenntnisses), die Nagoriner und Baikaren geniessen innerhalb ihrer autonomen Republiken oder Regionen -ebenso wie die türkisch-tatarischen Stämme des zur Russischen Föderation gehörenden Dagestan -eine beschränkte Selbstverwaltung. Ihre Sprachen werden in den Schulen gelehrt, aber sie sind nur noch abbröckelnde Minoritäten, die eines nicht fernen Tages verschwinden werden, wie die Lesghier, Darginer, Laker, Kürinen, Nagaier, von denen die Reisenden des 19.Jahrhunderts zu berichten wussten. Auch wenn die verschiedenen Idiome im Alltag der Dörfer noch gesprochen, in den Schulen unterrichtet werden: ohne das Russische kam niemand aus. Unter dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Uniformierungszwang verbleichen die bunten Farben von einst. Die alten Waffen und Geräte kann man nur noch im Museum sehen. Noch ein Glück, wenn staatliche Folkloreensembles noch etwas Musik, Gesang, Tänze und Trachten der vielen Völker des Kaukasus am Leben - einem etwas künstlichen Leben - erhalten. Ein Glück, dass es noch alte unverfälschte Teppiche gibt, die von alten Traditionen zeugen

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Die klassischen Kaukasen

Teppichgeschichtlich tritt der Kaukasus erst ab dem 15./16.Jahrhundert in Erscheinung; zumindest liegen erst aus dieser Zeit verbürgte Berichte, Abbildungen von Teppichen auf Gemälden oder erhaltene Teppiche (16.Jh.) vor. Herodot weist allerdings bereits darauf hin, dass sich die kaukasischen Völker vortrefflich auf das Färben von Wolle verstehen. Die ältesten bekannten kaukasischen Teppiche wurden in Werkstätten für den Hof und den Adel gearbeitet. Dies nach dem Vorbild der ottomanischen, safavidischen und Moghui-Hofmanufakturen. Allein schon die Grösse vieler dieser frühen Teppiche, ebenso wie die Feinheit ihrer Zeichnungen und Ornamente, machen es ausserordentlich unwahrscheinlich, dass sie in Nomadenzelten oder einsamen Dörfern entstanden. Es sind etwa folgende Hauptgruppen bekannt:

- Drachteppiche (ln deren Rautengliederung wechseln vertikal gelegte, stilisierte,   geometrisch geformte drachenförmige Gebilde und Tierkampfszenen mit riesigen Lanzettblättern und Rosettblüten.)

- Schildteppiche

- Blütenteppiche

- Sonnenstrahlenteppiche

Die Geschichte der frühen kaukasischen Knüpfkunst ist verwirrend. Wie verwirrend, zeigt der Umstand, dass die berühmteste Gruppe klassischer Kaukasen, die Drachenteppiche, von verschiedenen Autoren historisch zwischen dem 13. und 18. Jahrhundert angesiedelt werden, obwohl sie nach allgemeiner Ansicht wahrscheinlich aus dem 16.Jahrhundert stammen. Aber wie vielerorts steckt auch hier die Teppichforschung noch in den Anfängen. Im Unterschied zu türkischen oder persischen Teppichen, gibt es fast überhaupt keine Hinweise dafür, wie kaukasische Teppiche in den Jahrhunderten vor den Drachen-Teppichen ausgesehen haben. Es liegt aber nahe, anzunehmen, dass die Armenier, deren Vorfahren, die Uratäer, schon vor Christi Geburt im Kaukasusgebiet siedelten und verschiedene mächtige Königreiche errichtet haben, viele Jahrhunderte früher eine eigene Knüpftradition begründeten, zumal ihnen ja bis zum heutigen Tag auch ausserhalb des Kaukasus fast eine Schlüsselrolle im Teppichhandel und in der Teppichherstellung zukommt.

Klassische Kaukasen sind meistens länglich (1:2) und schmaler als Teppiche aus dem 19.Jahrhundert. Häufig wird das Hauptfeld-Motiv von einer einzigen schmalen Bordüre eingerahmt. Haupt- und Nebenbordüre finden wir eigentlich erst seit dem 19.Jahrhundert.

 


Die Kaukasen des 19. und 20.Jahrhunderts

Die uns interessierenden alten Kaukasen sind in der 2. Hälfte des 19. und im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts in traditioneller Art und Weise entstanden.

Die Teppiche werden in den Dörfern und Städten hergestellt.

Seit den dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts gab es gewerkschaftlich organisierte Teppichmanufakturen. Diese Teppiche hatten dadurch hinsichtlich Qualität und Charme stark verloren. Penetrant genaue Musterung und Massgenauigkeit, unschöne Farbstellung, kalte Töne, dabei jedoch von Material und Knüpftechnik gut. Verglichen mit der Qualität sind diese Teppiche günstig im Preis. Nach Abzug der Russen wurden privatwirtschaftliche Knüpfereien aufgebaut, teilweise mit Kapital amerikanischer Armenier.

Im 19.Jahrhundert änderten sich die politischen und wirtschaftlichen Verhältnis­se in Persien, Kaukasien und Zentralasien gründlich. Die bisherigen feudalen Auftraggeber verschwanden mehr und mehr. Gleichzeitig blühte in den Städten und Dörfern die Knüpfkunst, die ursprünglich natürlich für den eigenen Bedarf bestimmt war, unglaublich auf. Und zwar ungeachtet der zahllosen Kriege und Stammesfehden, Umsiedlungen, ja der Vernichtung ganzer Stämme. Zeitlich genau mit dem Grosswerden des Bürgertums in Europa kamen Orientteppiche in Mode. Der industriellen Entwicklung folgend zuerst in England, dann in Deutschland, Frank­ reich und den Vereinigten Staaten. Dieses Interesse rief zunächst in Persien, dann in der Türkei, im Kaukasus und Indien zahlreiche Teppich-Manufakturen ins Leben.

So willkommen diese Veredelungsprodukte für die betroffenen Länder des Nahen Ostens als Exportartikel waren, folgte dem wirtschaftlichen Boom ein künstlerischer Niedergang, besonders, wo er mit der Einführung synthetischer Farben und maschinengesponnener Garne verbunden war. Es ist merkwürdig, dass gerade im Kaukasus viele Stämme und Dörfer diesen Tendenzen bis weit ins 20.Jahrhundert hinein erfolgreich widerstanden haben.

Die kaukasische Teppichknüpferei der letzten 180 Jahre ist sehr variabel, da die kulturellen und völkischen Einflüsse vielfältig waren. Politischer Wandel und religiöse Gegensätze, beträchtliche klimatische Unterschiede, und damit auch diejenigen des verfügbaren Weidelandes zwischen den Hochgebirgen und dem Tiefland, trugen dazu bei. Es gibt viele Versuche, die kaukasischen Teppiche in Gruppen einzuteilen. Auch solche von russischen Forschern, vor allem Liatif Kerimov, doch haben diese mit ihren neuen Teppichbezeichnungen (russische Dorfnamen) vorläufig eher zu Verwirrung denn Klärung beigetragen. Ich ziehe deshalb eine Einteilung vor, die Muster und Farben, technische Eigenheiten (Wollqualität, Garndicke, Garnaufbau, Knüpfstruktur, Knotenart, Knotendichte, Florlänge, Kanten- und Fransenverarbeitung) und Geographie berücksichtigt, nämlich:

- Teppiche aus dem Ost-Kaukasus

- Teppiche aus dem Süd-Zentral-Kaukasus

- Teppiche aus dem Süd-Ost-Kaukasus



Teppiche aus dem Ost-Kaukasus

Die Baumwollkanten dieser Teppichgruppe sind blau oder weiss, und die Fransen können sehr kompliziert abgeschlossen sein. Der Flor ist kurz geschoren. Diese Gruppe zeigt die engste Knotendichte mit ca 1800-2200 Knoten per dm2. Ist Weiss oder Gelb als Grundfarbe nicht ungewöhnlich, so herrschen doch dunkle Grundfarben vor. Die Muster sind dicht gedrängt, mit einer Vorliebe für durchgehende Wiederholungen und mit einer grossen Vielfalt von kleinformatigen Sekundärmustern. Auch wenn die Musteranordnung grosszügig ist, gibt es wenig offene Flächen. Die Teppiche der nördlichen Gebiete sind meistens ganz aus Wolle und eher gröber.

Region Dagestan

Derbend

Dagestan

 

Dagestan Gebet 118 x 151 cm
Derbent 111 x 184 cm

Region Kuba

Seichur

Perepedil

Kuba

Tschitschi

Sumak

 

Kuba 111 x 170 cm
Perepedil 132 x 194 cm
Seichur 84 x 103 cm
Tschitschi 129 x 178 cm

Region Schirwan

Schirwan

Bidjov

Marasali

Lesghi

Akstafa

 

 

Chaili 123 x 194 cm
Schirwan Akstafa 114 x 298 cm
Schirwan Bidjov 130 x 196 cm
Schirvan 152 x 297 cm
Lesghi 115 x 175 cm
Lesghi 144 x 270 cm
Schirwan 168 x 320 cm
Schirwan Marasali 100 x 148 cm

Region Baku

Baku

Chila

Surahani

 

Baku 114 x 191 cm
Baku Surahani 109 x 145 cm
Chila 123 x 194 cm


Teppiche aus dem Süd-Zentral-Kaukasus

Diese Gegend wird vor allem von Aserbaidschanern (Tataren, Aseris) und Armeniern bewohnt. Alle Teppiche dieser Gruppe sind ganz aus Wolle, und die Garne sind dicker als in den östlichen Gebieten. Der Flor ist mittel bis lang mit einer lockeren Knüpfung. 600-1200 Knoten per dm2 bei den Kasak und Gendjeh und 900-1600

Knoten bei den Karabagh. Die Kette ist ungefärbt und schwankt von Weiss zu Braun. Die Schussfäden sind oft gefärbt grau, braun, rot. Karabagh-Teppiche zeigen meistens zwei Schussreihen, Kasak zwei bis fünf zwischen jeder Knotenreihe, meistens rot. Gendjeh haben weniger offene Fläche und wenn sie auch grosszügige Muster zeigen, so sind diese doch weniger mächtig als diejenigen der Kasak. Die Farben der Kasak sind strahlend mit glanzreicher Wolle, die ihren Glanz auch über Jahre beibehält. Leuchtendes Rot dominiert. Daneben klares ungefärbtes Weiss, Grün, Blaugrün, Naturschwarz und ab und zu Gelb. Die Palette der Karabagh und Gendjeh zeigt noch Orange, Lila, Blau und Braun. Die Muster sind grosszügiger als diejenigen im Ost-Kaukasus. Teppiche, deren Proportionen länger und schmaler sind, gehören meistens zu den Karabagh oder Gendjeh. Sie können aber auch zu den südost-kaukasischen Teppichen gehören.

 

Region Gendjeh

Gendjeh

 

Gendje 110 x 256 cm
Gendje 130 x 200 cm

Region Kasak

Kasak

 

Kasak 180 x 300 cm
Kasak 114 x 328 cm
Kasak 130 x 271 cm

Bordjalu

Schulaver

Fachralo

Bordjalu 158 x 216 cm
Schulaver 104 x 365 cm
Fachralo 122 x 180 cm

Fachralo

Lambalo

Lori-Pambak

Karatschop

Fachralo 113 x 166 cm
Fachralo 180 x 122 cm
Lambalo 167 x 224 cm
Lori-Pambak 182 x 280 cm
Lori-Pambak 152 x 253 cm
Karatschop 138 x 203 cm

Sewan

Schikli

 

Sevan 142 x 210 cm
Sevan 173 x 244 cm
Schikli 152 x 255 cm

Region Karabagh

Karabagh

Chondsoresk

Tschelaberd

 

Karabagh
Chondsoresk 155 x 197 cm
Tschelaberd 150 x 291 cm


Der Einfluss der Armenier

ln der Literatur wird den Aseris (Aserbaidschanern) der Grossteil der Teppichproduktion und der Teppichentwürfe im Kaukasus zugesprochen. Aufgrund der Lektüre der einschlägigen Teppichbücher und von interessanten Artikeln in der Teppichzeitschrift HALl bin ich der Ansicht, dass der Einfluss der Armenier aber wesentlich grösser ist, als bisher angenommen.

Im Laufe der Geschichte war das zu Armenien gerechnete Gebiet erheblichen Änderungen unterworfen. Im allgemeinen wurden weite Teile Mesopotamiens mit den Oberläufen des Euphrat und Tigris, der Turasenke, Transkaukasien und den Hochtälern des Araxes und des Kura zu Armenien gerechnet. Im Kerngebiet lagen der Sewan-See und der Van-See. Bereits 3000 v.Chr. war das armenische Kernland als Sitz des Reiches Urartu geschichtlich bedeutungsvoll. Die Blütezeit dieses Reiches lag um 990 bis 600 v.Chr. Um 190 v.Chr. gliederte sich Armenien in zwei Königreiche, das östliche Grossarmenien und das westlich des Euphrat gelegene Kleinarmenien. Noch im 9. bis 10.Jahrhundert erstreckte sich Armenien mit seinen Königreichen bis an das Mittelmeer, Adana und Mersin umfassend. Zu einer Teilung Grossarmeniens zwischen Ostrom und Persien kam es im Jahr 387. Im späteren wechselvollen Geschehen war der Herrschaftsanspruch in diesem Gebiet vonArabern, Byzantinern, Ägyptern, Römern, Turkmenen, Persern und später denRussen umkämpft. 1236 war das Gebiet Schauplatz des grossen Mongoleneinfalls unter Timur.

 

Schriftliche Zeugnisse erzählen, dass bereits im 8.Jahrhundert in Armenien Teppiche hergestellt worden sind. So berichtet der arabische Historiker lbn-Khaladur (775-786), dass diese dann als jährlicher Tribut den Kalifen in Bagdad abzuliefern waren. Laut dem arabischen Reisenden lbn-Hawqal war die armenische Hauptstadt Dvin (Dabil auf arabischen Landeskarten) ein Zentrum herrlicher Teppiche. Ein anderer arabischer Historiker, Abu Avn erzählt, dass das Wort Khali, das für alle Moslems Teppich bedeutet, von der armenischen Stadt Karin oder Erzerum abgeleitet worden ist. Der Name der Stadt Karin-Kaak, was Karin Stadt bedeutet, wurde nachlässig als Kalikala oder EI Kali ausgesprochen und wurde so das Synonym für das Wort Khali. Heute wird in der Türkei für den Begriff Knüpfteppich das Wort Hali gebraucht. Auch der arabische Geograph Yakut schreibt zu Beginn des 13.Jahrhunderts, dass im Gebiet von Van und dem heutigen Erzerum Teppiche produziert wurden, die man 'Kali' benannte. Armenische. Wissenschaftler nehmen an, dass geknüpfte Teppiche eine armenische Kreation sind, und man nimmt an, dass die berühmten antiken Drachen-Teppiche armenischen Ursprungs sind. Ein sicherer Hinweis auf den armenischen Ursprung kaukasischer Teppiche ist, wenn Teppiche eine armenische Inschrift und/oder Jahreszahlen zeigen.

 

 

Von den im vorletzten Jahrhundert und anfangs des letzten Jahrhunderts hergestellten Teppichen lassen folgende Eigenheiten auf armenischen Ursprung schliessen:

Adler-Darstellungen (armenisch Vishapagorgs)

Eine überraschend grosse Anzahl armenischer Inschriften ist von der steifen, stilisierten Darstellung eines Vogels- eines Adlers oder Falkens - begleitet. Seine Stellung ist majestätisch und heraldisch. Häufig findet man auch zwei gegenüber­ gestellte Vögel. Ursprung und Symbolik dieser Vögel ist unklar. Beispiele: Tschelaberd, Chondsoresk, Kasim-Uschag sowie an den meisten armenischen Kirchen vom 4. – 15 JH.

 

 

Kreuze

Die Zuordnung von Teppichmustern mit Kreuzen zu Knüpfern christlichen Glaubens ist ebenso oft befürwortet wie auch kritisiert worden. Da die Christen das Kreuz zum Symbol ihres Glaubens machten, kann diese Assoziation jedoch nicht abgelehnt werden. Das ist speziell in Anatolien und im Kaukasus wichtig. Weil ein öffentliches Bekenntnis zum Christentum oft zu Verfolgungen führte, arbeiteten armenische Knüpfer Kreuze versteckt in ihre Muster ein. Es ist kaum plausibel, dass mohamme­danische Knüpfer in jener Epoche wissentlich Kreuzformen verwendeten. Bei vielen Teppichen ist es ganz offenbar, dass die Kreuze absichtlich eingearbeitet wurden. Beispiele: Sewan, Lesghi, Karabagh, Sivas, Zara, Kars, Kagizman und viele mehr.

 

Der Einfluss von Kirchengrundrissen auf kaukasische Teppichmuster

Kreuzförmige Kirche
längliche rechteckige Kirche
Dshuari-Kirche in Georgien

Zu Ende des 1.Jahrhunderts unserer Zeitrechnung bekannte sich ein Teil der Bevölkerung Armeniens zum Christentum, und im Jahr 301 erklärte König Tiridates die christliche Glaubenslehre zur offiziellen Religion des Landes. Armenien wurde damit der erste christliche Staat der Weit. Im Jahr 303 begann der Bau der Kathedrale von Etschmiadzin, die bis zum heutigen Tag der Sitz des Katholikos- des armenischen Kirchenoberhauptes ist. Die Kathedrale diente als Vorbild für zahlreiche Kirchen, die in den folgenden Jahrhunderten entstanden. Selbst nach der Besetzung Armeniens durch islamische Stämme stand die armenische Architektur weiter in Hochblüte, denn die vorwiegend nomadischen Araber hatten damals noch keine eigene Bautradition und betrauten daher armenische Baumeister mit der Errichtung von Moscheen und Palästen. Deren Grundrisse, Kuppeln und Innenausstattung wiesen vielfach die typischen Charakterzüge armenischer Kirchen auf.

Die Grundrisse der armenischen Kirchen des 5. und 6.Jahrhunderts fallen in vier Hauptkategorien: die Kreuzform, die Tonne- oder Rundform-, die Strahlenform im Quadrat und die Rechteckform. Diese Grundformen weisen auf einen Zusammen­ hang mit den Entwürfen von Orientteppichen hin.

Die Kreuzform ist typisch für die Kirchen der alten armenischen Hauptstadt Ani und ist in zahlreichen Teppichdessins zu erkennen. Das Kreuz stellt nicht nur das Zentrum des mittleren Medaillons dar, die Kreuzenden weisen auch auf den Einfluss der sogenannten Khatschkar (Steinkreuze) hin, die ausschliesslich in Armenien zu finden sind.

Die Rundform eignet sich weniger für Teppiche, da diese im Kaukasus ja das Prinzip der geraden Linie und nicht der runden Linie haben.

Die dritte Grundform, nämlich die in einem Quadrat ausstrahlende Stemform, dürfte die häufigste und bekannteste sein. Sie ist auch die älteste, denn Etschmiad­ zin, die Urtypenkirche des 4.Jahrhunderts, fällt in diese Kategorie.

Eine grosse Anzahl armenischer Kirchen weisen einen rechteckigen Grundriss auf. Eines der ältesten Beispiele für diese Bautype ist die Basilika von Eghward (547- 604), deren Grundform als Dessin auf Gebetsteppichen, zB auf Kasak und Schirwan, weit verbreitet ist.

Weitere Muster, zB naturalistische Rosendarstellungen, Abbildungen von Menschen, deren Bekleidung oder Beschäftigung für Armenien typisch sind, lassen ebenfalls auf armenischen Ursprung schliessen.

Zusammenfassend können wir sagen, dass viele Teppiche der süd-zentralen Gruppe (Kasak, Gendjeh, Karabagh) auf armenischen Ursprung schliessen lassen. Aber auch in der Ost-Gruppe finden wir armenischen Einfluss, besonders Kirchen­grundrisse bei den Schirwan, Kuba und Dagestan-Gebetsteppichen und deren Unterarten.



Wie entziffern wir die Jahrezahl auf einem Teppich?

Islamisches Datum 1331, nach unserer Zeitrechnung 1913

Bei einigen Nomaden und Dorfbewohnern dienten die Teppiche als Chroniken ihrer Familiengeschichte. Zudem gaben der Name des Knüpfers oder der Knüpferin und auch der Name des Auftraggebers Hinweis auf die Entstehung des Teppichs. Solche Informationen sind natürlich sehr wichtig, um das genaue Herstellungsdatum zu eruieren. Die Jahrzahl kann in zwei verschieden Arten dargestellt werden, mit arabischen Zahlen oder in islamischer Schreibweise. In unserer arabischen Schreibweise wird die christliche Zeitrechnung verwendet. Solche Teppiche wurden mit Sicherheit von Christen geknüpft wie in Armenien und Georgien oder in einem moslemischen Land wie der Türkei, das nach dem Niedergang des Osmanischen Reiches unter Atatürk die christliche Zeitrechnung übernommen hat. Wenn das Datum in islamischer Schrift geknüpft wurde, müssen wir wissen, dass die Zeitrechnung mit der Hedschra beginnt, also mit dem Jahr 622n. Chr., als Mohammed von Medina nach Mekka floh. Zudem wird je nach Land mit dem Mondjahr oder mit dem Sonnenjahr gerechnet. Das Mondjahr ist aber um elf Tage kürzer als das Sonnenjahr. Wenn wir also in Armenien das Islamisches Datum Datum 1995 haben, so entspricht dies· für einen Moslem im Iran, wo seit Beginn dieses Jahrhunderts das Sonnenjahr gilt, dem Jahr 1373 (1995- 622). Für moslemische Länder, welche im 'Mondjahr rechnen, muss man alle 33 Jahre ein Jahr dazuzählen. So sind wir also im Jahr 1414 -1415. (1373 +1373/33). Diese Differenz muss bei der genauen Datierung von Teppichen unbedingt berücksichtigt werden. Wie wissen wir, welches System berücksichtigt wird? Als generelle Regel kann gesagt werden, dass die kaukasischen Teppiche mit dem Mondjahr datiert werden, die iranischen aus dem letzten Jahrhundert ebenfalls. Seit Beginn des 20.Jahrhunderts können jedoch die iranischen Teppiche je nach Stamm sowohl im Sonnen- wie im Mondjahr datiert worden sein. Es ist auch wichtig zu wissen, dass ein Datum sehr leicht nachträglich eingeknüpft oder gefälscht werden kann, indem aus einer drei eine zwei gemacht wird. So bekommt ein Teppich mit der Jahrzahl1350 plötzlich die Jahrzahl 1250. In zahlreichen anderen Fällen hat eine Knüpferin als Analphabetin einen alten Familienteppich kopiert und das Datum Islamisches Datum 1225 nach unserer Zeitrechnung 1810 seitenverkehrt eingeknüpft, was darauf hinweist, dass sie den Teppich von der Rückseite her kopierte, wo die Knoten deutlicher sichtbar waren.

 

Aus welchem Land kommen denn die „russischen“ Teppiche?

Wir sind uns gewohnt von einem russischen Bochara oder einem russischen Schirwan zu sprechen. Aus welchem Land kommen nun diese Teppiche nach dem Zerfall der UdSSR? Generell lässt sich sagen, dass die GUS, die Gemeinschaft unabhängiger Staaten, im wesentlichen diejenigen Länder umfasst, welche das Russische Imperium vor Peter dem Grossen bildeten. So dürfen nur noch die Teppiche aus Dagestan im Norden des Kaukasus als russisch bezeichnet werden. Die anderen kaukasischen Teppiche stammen aus den drei Republiken Azerbaidschan, Armenien und Georgien. Die Buchara stammen aus der Republik Turkmenistan. Leider sind die Grenzen noch nicht stabilisiert. So beansprucht der Hoch-Karabagh, eine Enklave mit Armenischer Bevölkerung auf dem Gebiet Azerbaidschans, seine Zugehörigkeit zu Armenien. Seit einigen Jahren wütete hier der Krieg und die Armenier konnten einen Korridor offen halten, welche ihr Gebiet mit Armenien verbindet. Die turkstämmigen Länder sind neu formiert worden zur T6, welche aus der Türkei, Azerbaidschan, Kazakstan, Kirgizistan, Uzbekistan und Turkmenistan besteht und den Widerstand gegenüber dem Druck der Slawischen Volksgruppen zum Ziel hat.

 

Wer knüpft denn heute die Teppiche mit den schönen kaukasischen Mustern?

Unter dem Sowjetregime waren die Voraussetzungen für den Fortbestand dieser Volkskunst nicht gerade ideal. Die Teppiche, welche in den Ateliers geknüpft wurden, entbehren jeglicher Spontaneität und Anmut. Obwohl die traditionellen Muster noch vorhanden sind, fehlt ihnen doch die Ausstrahlung. Weil der Bedarf an Teppichen sehr gross war, wurden verschiedene Produktionszentren gegründet. Zu den interessanteren zählen die rumänische und in neuerer Zeit auch die türkische Produktion.

Die Region Kars im Osten Anatoliens liefert eine ganze Skala von Teppichen, welche mit so berühmten Dessins wie Schild- (Sewan), Adler- (Tschelaberd) und Wolkenmotiv (Chondoresk) den traditionellen Kasak ersetzen, aber nicht in den Originalfarben, daher leicht erkennbar.

Seit einigen Jahren besteht auch eine vielversprechende Produktion in den Yuntdag Bergen in der Region Bergama. Nach überlieferter Tradition wird hier die Wolle gesponnen, gefärbt, zu Teppichen geknüpft und verarbeitet. Sorgfältig wurde nach ursprünglichen Motiven aus vergangenen Epochen gesucht. Die neuen Teppiche wollen jedoch keine Kopien der alten Stücke sein, sondern die Patina wird sich im Laufe der Jahre von selbst einstellen, dank dem Lüster der pflanzengefärbten Wolle.

 

 

Texte:

Teilweise aus der Publikation "Die Kaukasen" von Dr. Romuald Stettler 1991

Aus der Torba 2/95

Teppichbilder von:

Peter Gmür

aus dem Buch "Les Tapis Caucase" von E. Gans-Ruedin

Edi Kistler

Fotos:

Peter Gmür

Edi Kistler

siehe auch:


Torba 2/95 "Die Kaukasen"

Torba 2/01"Teppiche und Flachgewebe Ostanatoliens"

Torba 2/99 "Shahsavan (die dem Shah dienen)

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