Vorliebe für Flachgewebe

Bereits im Flur steht der Besucher auf einem türkischen Malatya Flachgewebe. Es ist unschwer zu erkennen, dass hier eine Kelim Liebhaberin wohnt.

Meine Schwester hat beruflich nichts mit Orientteppichen zu tun. Früher halfen wir unseren Eltern im Geschäft beim Aussortieren und Etikettieren neu angekommener Ware aus dem Orient. So entstand allmählich eine Beziehung zu diesen Teppichen und Flachgeweben. Später, beim Einkauf für unsere Firma, reiste sie ab und zu mit uns in die Ursprungsländer. Sie trug ihre Stücke in der Türkei und im Iran eigenhändig zusammen. Viele Erinnerungen und Erlebnisse sind damit verbunden. Verständlich, dass für sie der ideelle Wert der Flachgewebe höher ist als der materielle.

Die Wohnung ist auf zwei Ebenen angelegt. In der unteren Etage am Ende des Flurs öffnet sich dem Besucher der Blick auf den Esstisch, unter dem ein turkmenisch-afghanisches Flachgewebe liegt. Braunrote, braune und goldene Farbtöne werden von den Afghanen oft verwendet. Die Musterung jedoch lässt eher auf einen turkmenischen Ursprung schliessen.

Lässt Wohnung anders wirken

Die Kette und der Schuss sind aus Wolle. Eine genauere Herkunftsbestimmung ist sehr schwierig. Das Muster des Kelim mit den Querstreifen dehnt den eher schmalen Raum in die Breite und lässt den Tisch optisch kürzer wirken. Durch das neutrale Weiss der Wände und das Grau des Bodens kommt der alte Beizentisch mit den Thonet Stühlen und den harmonischen Farben des Kelim besonders gut zur Geltung. Das Gelb und Naturweiss in der Bordüre bildet einen schönen Kontrast zum rötlichen Nussbaumholz der Möbel.

Rechts vom Esszimmer, an Büro und Gästezimmer vorbei, führt eine Treppe nach oben ins Wohnzimmer. Das Kamin steht zentral im Raum und lädt an kalten Winterabenden zum Verweilen ein. Der Raum ist absichtlich «sparsam» möbliert. Das schwarze Ledersofa und der «Mickey Mouse-Sessel» sind die einzigen konventionellen Sitzmöglichkeiten. Die gepolsterte Bachtiar Doppeltasche und der weiche Gabbeh Art laden ein, sich wie die Orientalen auf den Boden zu setzen. Ein idealer Ort, um zu entspannen oder sich beim Musikhören und Lesen zu erholen.

Pfiffige Farben und Formen

Der Gabbeh Art, ein Stück der allerersten Generation, hat ein einfaches, ruhiges Muster. Die Zickzacklinien und das Schachbrettmuster in der Bordüre wurden auch schon früher beim Knüpfen von Gabbehs verwendet. Bei der Färbung der Wolle sind neben den heute gebräuchlichen, natürlichen Farbstoffen teilweise chemische verwendet worden. Das lachsfarbene rechteckige Innenfeld mit hellblauer und roter Umrandung auf dunkelblauem Untergrund wirkt frisch und pfiffig. Neben der blauen und naturweissen Rhombe steht ein Pfau: Er ist das einzige Tiermotiv, das vorkommt.

Vor dem schwarzen Ledersofa liegt ein Gaschgai Kelim in rotbrauner Grundfarbe. Das Orange ist bei den Gaschgai Nomaden sehr beliebt; es wird in den Kelim gerne als Akzentfarbe eingesetzt. Die Hexagone (Sechsecke), sogenannte Güls, sind unregelmässig auf dem Mittelfeld verteilt. Die obersten Hexagone rechts und links sind mit einem blauen abgetreppten Quadrat eingefasst. Das abgetreppte Muster wurde der dunkelblau-weissen Bordüre entnommen. Diese Bordürenart wird sehr oft bei südpersischen Kelimen verwendet. Das stilisierte dunkelblaue Dreiblatt ist jeweils das Spiegelbild des weissen Dreiblatts. In der Geometrie nennt man diese gespiegelte Musterwiederholung reziprok.

Freiraum erwünscht

In einer zurückhaltend eingerichteten, nicht übermöblierten Wohnung lassen sich Flachgewebe und Gabbehs hervorragend plazieren. Eine schlichte Umgebung lässt den Teppichen genug Freiraum, um mit Farben und Motiven auf den Betrachter einzuwirken. Ob die Möbel aus Holz oder Metall gefertigt sind, spielt keine Rolle. Die Wahl des persönlichen Wohnstils hängt glücklicherweise vom Geschmack und der Vorliebe der Bewohnerin ab.

Martin Fischer

 

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